Jede SAP S/4HANA-Migration stellt irgendwann die gleiche Frage: Was passiert mit dem über Jahre gewachsenen Z-Code? Wer seinen Custom Code unverändert in die neue Welt überführt, verlagert das Problem lediglich. Die Clean Core Strategie ist SAPs Antwort darauf und zugleich eine unbequeme Wahrheit für viele Mittelständler. Der Kern muss sauber bleiben, Erweiterungen gehören nach außen.
Für IT-Leiter in Unternehmen zwischen 200 und 5.000 Mitarbeitern bedeutet das eine strategische Weichenstellung. Wir zeigen, worauf es bei einem Clean-Core-Ansatz ankommt, welche Stolperfallen typischerweise auftauchen und wie Sie den Übergang mit überschaubarem Aufwand meistern.
Was Clean Core konkret bedeutet
Clean Core ist keine Buzzword-Philosophie, sondern ein klar umrissenes Architekturprinzip. Das ERP-System soll möglichst nah am SAP-Standard laufen. Eigenentwicklungen, Modifikationen und individuelle Anpassungen im Core werden reduziert oder vollständig nach außen verlagert, typischerweise auf die SAP Business Technology Platform (BTP).
Das Ergebnis ist ein aktualisierungsfähiger Kern. Release-Wechsel, Feature Packs und Innovationspakete lassen sich einspielen, ohne dass jedes Mal aufwendige Regressionstests notwendig werden. Genau hier liegt der wirtschaftliche Hebel. Studien zeigen, dass Upgrade-Projekte in Systemen mit hohem Customizing-Grad bis zu viermal so teuer sind wie in standardnahen Installationen.
Warum der Mittelstand besonders profitiert
Mittelständische Unternehmen haben selten die Personalkapazität, um komplexe ABAP-Landschaften kontinuierlich zu pflegen. Jede Modifikation erzeugt einen dauerhaften Wartungsschatten. Fällt ein erfahrener Entwickler aus, wird aus einem kleinen Anpassungswunsch schnell ein Großprojekt.
Die Clean Core Strategie entlastet IT-Abteilungen doppelt. Erstens sinkt der Pflegeaufwand, weil standardnahe Systeme automatisch von SAP weiterentwickelt werden. Zweitens werden neue Funktionen wie SAP Joule, Predictive Analytics oder embedded AI früher und ohne Integrationsaufwand nutzbar. Wer den Kern sauber hält, bleibt innovationsfähig.
Die vier Erweiterungsebenen im Überblick
SAP unterscheidet vier Tiers für Erweiterungen, die Sie bei der Planung kennen sollten:
- Tier 1 (Developer Extensibility): Erweiterungen über Key User Tools wie In-App-Extensions. Sie laufen upgradestabil, sind aber begrenzt in ihrer Tiefe.
- Tier 2 (ABAP Cloud): Classic ABAP wird durch ABAP Cloud ersetzt. Nur freigegebene APIs werden verwendet, Objekte bleiben aktualisierungssicher.
- Tier 3 (Side-by-Side auf BTP): Komplexe Erweiterungen laufen außerhalb des ERP-Cores, meist in Form von CAP- oder RAP-Anwendungen.
- Tier 4 (Legacy ABAP): Alles, was in klassischer ABAP-Welt modifiziert wurde. Ziel ist, diesen Bereich zu schrumpfen oder vollständig abzulösen.
Die Kunst liegt darin, bestehenden Custom Code den richtigen Tiers zuzuordnen und schrittweise nach oben zu migrieren.
So starten Sie ein Clean-Core-Programm
Viele Projekte scheitern an fehlender Transparenz. Wer nicht weiß, welcher Z-Code tatsächlich genutzt wird, kann auch nicht priorisieren. Die Reihenfolge sieht in der Praxis so aus:
1. Custom Code Analyzer aufsetzen: Die SAP-eigenen Werkzeuge Custom Code Analyzer und Custom Code Migration App scannen Ihr System und klassifizieren Modifikationen nach Upgrade-Risiko und tatsächlicher Nutzung. Oft stellt sich heraus, dass 30 bis 50 Prozent des Custom Codes gar nicht mehr produktiv laufen.
2. Fit-to-Standard-Workshops durchführen: Vor jeder Migration lohnt der Blick auf den aktuellen SAP-Standard. Viele historisch gewachsene Eigenentwicklungen bilden heute Standardfunktionen ab. Ein konsequenter Fit-to-Standard-Ansatz spart Millionen.
3. Extension Roadmap definieren: Jede verbleibende Anpassung wird einem Tier zugewiesen. Welche wird in ABAP Cloud umgebaut, welche landet als CAP-Service auf der BTP, welche verschwindet ersatzlos?
4. Governance etablieren: Ohne klare Regeln entsteht wieder neuer Z-Code. Ein verbindliches Extension-Framework mit Code-Review und API-Katalog verhindert den Rückfall in alte Muster.
Typische Stolperfallen in der Praxis
Im Projektgeschäft sehen wir immer wieder die gleichen Fehler. Viele Unternehmen unterschätzen den kulturellen Wandel. Entwickler, die jahrelang im ABAP-Kern zu Hause waren, müssen sich an CAP, SAP Build und Node.js gewöhnen. Ohne begleitendes Enablement bleibt die BTP eine Insel.
Ein zweiter Klassiker ist die fehlende Einbindung der Fachbereiche. Clean Core ist keine reine IT-Disziplin. Wer Prozesse sauber standardisieren will, muss die Fachseite früh beteiligen. Process Mining und eine saubere Prozesslandkarte schaffen die nötige Basis.
Drittens wird die Integrationsebene oft vernachlässigt. Side-by-Side-Architekturen brauchen eine durchdachte API-Strategie, sonst entstehen neue Abhängigkeiten, die ebenso schwer zu pflegen sind wie klassische Modifikationen.
Ein vierter Punkt betrifft das Testmanagement. Clean-Core-Migrationen laufen iterativ, also müssen Regressionstests automatisiert sein. Werkzeuge wie Tricentis Tosca in Kombination mit risikobasiertem Testen reduzieren den Aufwand deutlich. Wer Testfälle weiterhin manuell pflegt, verliert den Geschwindigkeitsvorteil, den Clean Core eigentlich liefern soll.
Clean Core und RISE with SAP
Wer RISE with SAP oder GROW with SAP einsetzt, kommt an Clean Core nicht vorbei. In der Public Edition sind Modifikationen am Core technisch ausgeschlossen. In der Private Edition sind sie zwar möglich, aber nicht empfohlen. SAPs eigene Update-Zyklen werden in der Cloud schneller, was standardnahe Installationen eindeutig bevorzugt.
Für den Mittelstand bedeutet das: Die Entscheidung für Cloud-Modelle ist immer auch eine Entscheidung für Clean Core. Wer das frühzeitig in seine Roadmap einbaut, vermeidet spätere Nachbesserungen.
Fazit: Jetzt den Kern sauber machen
Die Clean Core Strategie ist kein Selbstzweck, sondern die Eintrittskarte für eine zukunftsfähige SAP-Landschaft. Je früher Sie Custom Code analysieren, reduzieren und umziehen, desto schneller profitieren Sie von schnellen Upgrades, KI-Funktionen und niedrigeren Betriebskosten.
W+W Consulting begleitet mittelständische Unternehmen von der ersten Analyse bis zur BTP-Extension. Unsere Berater kennen sowohl den klassischen ABAP-Stack als auch die moderne Cloud-Welt und bauen Ihnen eine pragmatische Roadmap. Erfahren Sie mehr über unsere SAP-Beratungsleistungen oder sprechen Sie uns für ein kostenfreies Clean-Core-Assessment an.